Lernzettel · Diabetes mellitus & Endokrinologie
Diabetes mellitus – Typen, Pathophysiologie und Diagnostik
Was bei Typ 1, Typ 2 und Gestationsdiabetes im Körper passiert, welche Symptome typisch sind und ab welchen Werten die Diagnose gilt.
Definition
Diabetes mellitus ist eine Gruppe von Stoffwechselerkrankungen mit chronisch erhöhtem Blutzucker, verursacht durch fehlendes Insulin, eine verminderte Insulinwirkung oder beides. In Deutschland sind über 8 Millionen Menschen betroffen, rund 90–95 % davon mit Typ 2.
Physiologie in Kürze
Insulin aus den B-Zellen der Langerhans-Inseln ist das einzige blutzuckersenkende Hormon: Es öffnet Muskel- und Fettzellen für Glukose, fördert die Glykogenbildung in Leber und Muskel und hemmt Fettabbau. Gegenspieler sind Glukagon, Adrenalin, Cortisol und Wachstumshormon.
Typen
- Typ 1: Autoimmunzerstörung der B-Zellen → absoluter Insulinmangel. Beginn meist in Kindheit oder Jugend, rasch einsetzende Symptome, Neigung zur Ketoazidose. Therapie: lebenslang Insulin. Sonderform LADA bei Erwachsenen.
- Typ 2: Insulinresistenz der Körperzellen plus nachlassende Insulinsekretion → relativer Mangel. Begünstigt durch Übergewicht (v. a. Bauchfett), Bewegungsmangel, Alter, genetische Veranlagung, metabolisches Syndrom. Beginnt schleichend und wird oft zufällig oder erst durch Folgeschäden entdeckt.
- Gestationsdiabetes: erstmals in der Schwangerschaft auftretende Glukosetoleranzstörung; Screening zwischen 24. und 28. SSW; erhöhtes Risiko für späteren Typ 2.
- Andere Formen: z. B. nach Pankreatitis oder Pankreasentfernung, medikamentös durch Glukokortikoide (Steroiddiabetes), MODY.
Symptome der Hyperglykämie
Über der Nierenschwelle (ca. 160–180 mg/dl) wird Glukose mit dem Urin ausgeschieden und zieht Wasser mit: Polyurie, dadurch Durst (Polydipsie), Exsikkose, Gewichtsverlust, Müdigkeit, Leistungsschwäche, Sehstörungen, Juckreiz, Infektanfälligkeit und schlecht heilende Wunden. Beim Typ 1 kommen Ketonkörper hinzu: Übelkeit, Bauchschmerz, Azetongeruch, vertiefte Kussmaul-Atmung.
Diagnostik (Erwachsene)
- HbA1c ≥ 6,5 % (48 mmol/mol) – spiegelt den mittleren BZ der letzten 8–12 Wochen
- Nüchtern-Plasmaglukose ≥ 126 mg/dl (7,0 mmol/l)
- Gelegenheitsglukose ≥ 200 mg/dl (11,1 mmol/l) bei typischen Beschwerden
- oraler Glukosetoleranztest: 2-h-Wert ≥ 200 mg/dl
Grauzone („Prädiabetes“): nüchtern 100–125 mg/dl oder HbA1c 5,7–6,4 %. Umrechnung: mg/dl geteilt durch 18 ergibt mmol/l.
Akute Entgleisungen
- Diabetische Ketoazidose (typisch Typ 1): BZ meist über 250 mg/dl, Ketone, metabolische Azidose, Kussmaul-Atmung, Exsikkose, „Pseudoperitonitis“.
- Hyperosmolares hyperglykämisches Syndrom (typisch ältere Typ-2-Patienten): BZ oft über 600 mg/dl, massive Exsikkose, Bewusstseinsstörung, kaum Ketone.
- Hypoglykämie: Werte unterhalb von 70 mg/dl (= 3,9 mmol/l); Details im Lernzettel zu Antidiabetika.
Therapieprinzipien
Typ 1: Insulinersatz plus Schulung. Typ 2: Stufentherapie – Lebensstil (Ernährung, Bewegung, Gewichtsreduktion, Rauchstopp) als Basis, dann Metformin und weitere Wirkstoffe je nach Begleiterkrankungen, ggf. Insulin. Zielwerte werden individuell vereinbart (z. B. HbA1c 6,5–7,5 %, bei gebrechlichen älteren Menschen höher, um Unterzuckerungen zu vermeiden).
Typische Prüfungsfallen
- Der HbA1c zeigt keine akute Entgleisung an, sondern den Verlauf der letzten Wochen.
- Typ 2 betrifft zunehmend auch Jugendliche mit Adipositas.
- Glukokortikoide erhöhen den Blutzucker – bei Kortisontherapie BZ kontrollieren.
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