Lernzettel · Infektionen & Sepsis
Sepsis erkennen und sofort handeln
Sepsis ist ein Notfall: aktuelle Definition (Sepsis-3), qSOFA als Screening, Warnzeichen und die Maßnahmen der ersten Stunde.
Definition
Nach der aktuellen internationalen Definition (Sepsis-3) ist eine Sepsis eine lebensbedrohliche Organfunktionsstörung, die durch eine fehlregulierte Antwort des Körpers auf eine Infektion entsteht. Nicht der Erreger allein, sondern die überschießende und zugleich entgleiste Abwehrreaktion schädigt Gefäße, Gerinnung und Organe. Der septische Schock liegt vor, wenn trotz ausreichender Volumengabe Vasopressoren nötig sind, um einen mittleren arteriellen Druck von mindestens 65 mmHg zu halten, und das Laktat über 2 mmol/l liegt. In Deutschland erkranken jährlich weit über 200 000 Menschen; die Sterblichkeit ist hoch.
Häufige Ausgangsherde
Lunge (Pneumonie), Harnwege (Urosepsis, v. a. bei Dauerkatheter), Bauchraum (Cholangitis, Peritonitis, Appendizitis), Haut und Wunden, Gefäßkatheter (ZVK, Port), Meningitis.
Risikogruppen
Säuglinge und Hochbetagte, Menschen mit Immunschwäche (Chemotherapie, Kortison, Immunsuppressiva), Diabetes, Leberzirrhose, Krebs, chronische Organerkrankungen, liegende Katheter, Sonden und Tuben, frisch Operierte, Pflegeheimbewohner.
Warnzeichen
- Fieber mit Schüttelfrost oder Untertemperatur
- schnelle Atmung, Luftnot, sinkende Sauerstoffsättigung
- Tachykardie, Blutdruckabfall
- neu aufgetretene Verwirrtheit, Schläfrigkeit, Unruhe – oft das erste Zeichen bei alten Menschen
- wenig Urin (unter 0,5 ml/kg/h)
- marmorierte, fleckige oder kalte Haut, verlängerte Rekapillarisierungszeit; anfangs kann die Haut warm und gerötet sein
- Gefühl schwerster Krankheit („So schlecht ging es mir noch nie“)
Screening: qSOFA
Der quick-SOFA ist ein einfaches bettseitiges Instrument. Je ein Punkt für:
- Atemfrequenz ≥ 22/min
- systolischer Blutdruck ≤ 100 mmHg
- veränderte Bewusstseinslage (GCS unter 15)
Ab 2 Punkten bei vermuteter Infektion besteht ein hohes Risiko für einen ungünstigen Verlauf – sofort ärztlich abklären. Ein unauffälliger qSOFA schließt eine Sepsis aber nicht aus; viele Kliniken nutzen ergänzend Frühwarnscores wie NEWS2.
Maßnahmen der ersten Stunde
- Verdacht klar äußern und sofort Arzt bzw. Notfallteam alarmieren (SBAR-Übergabe); in der Langzeitpflege oder ambulant Notruf 112
- Vitalzeichen engmaschig, Bewusstsein, Urinausscheidung, Temperatur
- Sauerstoff nach Anordnung bzw. Notfallstandard (Ziel-SpO₂ meist 94–98 %, bei COPD 88–92 %)
- großlumige Zugänge; Blutentnahme inkl. Laktat
- mindestens zwei Blutkultur-Paare vor der ersten Antibiotikagabe – die Antibiose darf dadurch aber nicht verzögert werden
- kalkulierte Breitspektrum-Antibiose möglichst innerhalb einer Stunde
- Volumengabe mit kristalloider Lösung bei Hypotonie oder erhöhtem Laktat nach Anordnung; ggf. Vasopressoren auf der Intensivstation
- Fokussuche und -sanierung: z. B. Katheter wechseln, Abszess drainieren, Galle entlasten
- Bilanzierung, Blasenkatheter zur Stundendiurese nach Anordnung
Pflege im weiteren Verlauf
Kontinuierliches Monitoring, Prophylaxen (Dekubitus, Pneumonie, Thrombose), Mund- und Hautpflege, Unterstützung der Angehörigen, frühe Mobilisation sobald möglich. Viele Überlebende leiden noch lange an Schwäche, Konzentrationsstörungen und Ängsten (Post-Sepsis-Syndrom) – Reha und Nachsorge mitdenken.
Typische Prüfungsfallen
- Fieber ist kein Muss – ältere oder immunsupprimierte Menschen sind oft normo- oder hypotherm.
- SIRS-Kriterien sind veraltet als Definition; qSOFA ist Screening, nicht Diagnose.
- Blutkulturen vor Antibiotika – aber Antibiotika nicht für Diagnostik aufschieben.
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