Lernzettel · Diabetische Notfälle
Hypoglykämie – erkennen und handeln
Ursachen, Warnzeichen und Sofortmaßnahmen bei Unterzuckerung – mit den Besonderheiten bei älteren Menschen und Menschen mit Demenz.
Definition
Von einer Hypoglykämie spricht man bei Menschen mit Diabetes ab einem Blutzucker unter 70 mg/dl (entspricht 3,9 mmol/l). Als schwer gilt die Unterzuckerung, wenn die betroffene Person sich nicht mehr selbst helfen kann und fremde Hilfe braucht – unabhängig vom gemessenen Wert. Werte unter 54 mg/dl (3,0 mmol/l) gelten als klinisch bedeutsam.
Ursachen
- zu viel Insulin oder insulinotrope Tabletten (v. a. Sulfonylharnstoffe wie Glibenclamid, Glimepirid)
- ausgelassene oder zu kleine Mahlzeiten, Erbrechen, Durchfall, Appetitlosigkeit
- ungewohnte körperliche Aktivität
- Alkohol (hemmt die Zuckerneubildung in der Leber)
- nachlassende Nierenfunktion (Medikamente wirken länger), Gewichtsabnahme
- Fehler bei der Insulingabe (Verwechslung, falsche Einheit, Spritzen in Lipohypertrophien und danach in gesunde Haut)
Symptome
Adrenerge (vegetative) Warnzeichen: Schwitzen, Zittern, Herzklopfen, Blässe, Heißhunger, Unruhe, Angst.
Neuroglukopenische Zeichen (Zuckermangel im Gehirn): Konzentrationsstörung, Kopfschmerz, Sehstörungen, Sprachstörung, Verwirrtheit, auffälliges Verhalten (aggressiv, albern), Lähmungen, Krampfanfall, Bewusstlosigkeit.
Besonderheiten im Alter und bei Demenz
- Warnzeichen sind abgeschwächt oder fehlen (Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung), z. B. bei langer Diabetesdauer oder unter Betablockern.
- Die Unterzuckerung zeigt sich oft als plötzliche Verwirrtheit, Unruhe, Aggressivität, Sturz oder Schläfrigkeit – leicht als „Verschlechterung der Demenz“ oder Delir fehlzudeuten.
- Menschen mit Demenz können Symptome nicht benennen, vergessen Mahlzeiten oder lehnen Essen ab.
- Unterzuckerungen unter Sulfonylharnstoffen können über viele Stunden anhalten und wiederkehren.
- Wiederholte Hypoglykämien erhöhen das Risiko für Stürze, Herzrhythmusstörungen und kognitiven Abbau. Deshalb sind die Therapieziele im Alter weniger streng (HbA1c häufig 7,0–8,0 % oder höher, je nach Gesundheitszustand).
Sofortmaßnahmen
Person wach und kann schlucken:
- Blutzucker messen (wenn ohne Zeitverlust möglich – im Zweifel sofort behandeln).
- 15–20 g schnell wirksame Kohlenhydrate: Traubenzucker, Fruchtsaft oder zuckerhaltige Limonade (kein Light-Getränk, keine Schokolade – Fett verzögert die Aufnahme).
- Nach etwa 15 Minuten erneut messen, bei weiterhin niedrigen Werten wiederholen.
- Danach langsam wirksame Kohlenhydrate (Brot, Banane), um einen erneuten Abfall zu verhindern.
- Ursache klären, Arzt informieren, dokumentieren, Therapie anpassen lassen.
Person bewusstlos oder kann nicht sicher schlucken:
- Nichts in den Mund geben (Aspirationsgefahr), stabile Seitenlage, Atmung kontrollieren.
- Notruf 112 bzw. Arzt; Glukagon nach Verordnung (Nasenpulver oder Injektion).
- Ärztlich: Glukose i.v. (z. B. Glukose 20–40 %), danach Glukoseinfusion und engmaschige Kontrollen.
- Bei Sulfonylharnstoff-Hypoglykämie stationäre Überwachung, da Rückfälle drohen.
Prävention in der Langzeitpflege
- Mahlzeiten und Insulingabe abstimmen; bei Nahrungsverweigerung vor dem Spritzen Rücksprache (ggf. Insulin nach dem Essen).
- Traubenzucker griffbereit, Hypoglykämie-Plan im Notfallordner.
- Spätmahlzeit bei nächtlichen Unterzuckerungen, Spritzstellen wechseln und kontrollieren.
- Medikamentenplan regelmäßig mit dem Hausarzt prüfen (z. B. Sulfonylharnstoffe absetzen).
Typische Prüfungsfallen
- Schokolade ist kein gutes Notfallmittel.
- Bewusstlosen nie Saft einflößen.
- Nach Normalisierung nicht vergessen: langsame Kohlenhydrate und erneute Kontrolle.
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