Lernzettel · Angst, Sucht & Essstörungen
Alkoholabhängigkeit, Entzug und Wohnungslosigkeit
Abhängigkeitskriterien, Entzugssyndrom und Delirium tremens, Wernicke-Korsakow sowie Behandlungsphasen und die besondere Situation wohnungsloser Menschen.
Begriffe
Riskanter Konsum überschreitet risikoarme Mengen; schädlicher Gebrauch führt bereits zu Gesundheitsschäden; Abhängigkeit liegt vor, wenn nach ICD-10 mindestens 3 von 6 Kriterien innerhalb eines Jahres erfüllt sind:
- starkes Verlangen (Craving)
- verminderte Kontrolle über Beginn, Menge, Ende
- körperliches Entzugssyndrom
- Toleranzentwicklung
- Vernachlässigung anderer Interessen
- fortgesetzter Konsum trotz nachweisbarer Schäden
Screening: AUDIT, CAGE-Fragen. Laborhinweise: Gamma-GT, MCV, CDT erhöht.
Folgen
Fettleber, Hepatitis, Zirrhose mit Ösophagusvarizen, Pankreatitis, Kardiomyopathie, Polyneuropathie, Krebs, Mangelernährung (v. a. Vitamin B1), Stürze, Depression, Suizidalität, Job- und Wohnungsverlust, Konflikte in der Familie.
Alkoholentzugssyndrom
Beginn etwa 6–24 Stunden nach dem letzten Konsum: Tremor, Schwitzen, Tachykardie, Hypertonie, Übelkeit, Unruhe, Angst, Schlafstörungen. Krampfanfälle sind vor allem in den ersten 48 Stunden möglich. Einschätzung mit Skalen wie AWS oder CIWA-Ar, symptomorientiert und regelmäßig.
Delirium tremens
Meist am 2.–4. Tag: Desorientierung, Bewusstseinsstörung, optische Halluzinationen (kleine bewegte Tiere), Nesteln, Suggestibilität, ausgeprägte vegetative Entgleisung (Fieber, Schwitzen, Tachykardie, Blutdruckkrisen), Gefahr von Elektrolytstörungen und Herzrhythmusstörungen. Unbehandelt lebensgefährlich – Intensivüberwachung erwägen.
Behandlung
- Benzodiazepine (z. B. Diazepam, Lorazepam, Oxazepam) nach Score; Clomethiazol nur stationär wegen Atemdepression
- Thiamin (Vitamin B1) vor Glukose geben, um eine Wernicke-Enzephalopathie zu verhindern (Verwirrtheit, Augenbewegungsstörungen, Gangunsicherheit). Folge kann ein Korsakow-Syndrom sein: schwere Merkfähigkeitsstörung mit Konfabulationen.
- Flüssigkeit, Elektrolyte, Vitalzeichen- und Bewusstseinskontrolle, Sturz- und Krampfprophylaxe
- Reizarme, gut beleuchtete Umgebung, klare Orientierung
Behandlungsphasen
- Kontakt- und Motivationsphase (Beratungsstelle, Hausarzt, Motivierende Gesprächsführung)
- Entgiftung, möglichst als qualifizierter Entzug mit psychotherapeutischen Anteilen
- Entwöhnung (Rehabilitation, stationär/ambulant)
- Nachsorge (Selbsthilfegruppen, ambulante Therapie, betreutes Wohnen)
Rückfälle gehören oft zum Verlauf und sind kein Scheitern. Das transtheoretische Modell beschreibt Stadien der Veränderungsbereitschaft: Absichtslosigkeit, Absichtsbildung, Vorbereitung, Handlung, Aufrechterhaltung.
Pflegerische Haltung
- Akzeptierend, nicht moralisierend; Sucht als Krankheit verstehen
- Klare Regeln (kein Alkohol auf Station), konsequent, aber respektvoll
- Co-Abhängigkeit vermeiden: nicht decken, nicht übernehmen, Verantwortung beim Betroffenen lassen
- Angehörige auf Hilfsangebote hinweisen
Wohnungs- und Obdachlosigkeit
Wohnungslos ist, wer keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum hat (z. B. Notunterkunft, bei Bekannten). Obdachlos ist, wer ohne jede Unterkunft auf der Straße lebt. Sucht, psychische Erkrankungen, Schulden, Trennungen und Haftentlassungen sind häufige Hintergründe – oft verstärken sie sich gegenseitig.
Gesundheitsprobleme: Unterkühlung, Erfrierungen, Hautinfektionen, Krätze und Läuse, Fußwunden, schlechter Zahnstatus, Tuberkulose, Hepatitis, Mangelernährung, unbehandelte chronische Krankheiten. Barrieren: Scham, Misstrauen, fehlender Versicherungsnachweis, Wartezeiten.
Pflege: respektvoll, ohne Vorurteile; Bedürfnisse wie Duschen, Kleidung, Essen, Wärme ernst nehmen; Sozialdienst früh einbinden; Entlassmanagement mit Anschlussversorgung (Krankenwohnung, Notunterkunft, Straßenambulanz, Hilfen nach §§ 67 ff. SGB XII).
Typische Prüfungsfallen
- Delirium tremens ist ein Notfall, kein „Rausch“.
- Wohnungslos ≠ obdachlos.
- Moralappelle erzeugen Widerstand – Motivierende Gesprächsführung wirkt besser.
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