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Lernzettel · Chronische Krankheit & Krisenbewältigung

Chronisch krank sein und das Trajektmodell

Was chronische Krankheit für Betroffene bedeutet und wie das Trajektmodell von Corbin und Strauss den Krankheitsverlauf beschreibt.

CE 08 · Kritische Lebenssituationen & Palliative CareChronische Krankheit & Krisenbewältigung

Was ist eine chronische Krankheit?

Chronische Krankheiten dauern lange an (meist mindestens drei bis sechs Monate), entwickeln sich oft langsam und lassen sich in der Regel nicht heilen, sondern nur behandeln. Sie verlangen von den Betroffenen eine dauerhafte Anpassung des Alltags und eine kontinuierliche Inanspruchnahme des Gesundheitswesens. Beispiele: Diabetes mellitus, COPD, Herzinsuffizienz, rheumatoide Arthritis, Multiple Sklerose, chronische Niereninsuffizienz, Mukoviszidose, Demenz.

Typisch ist ein nicht geradliniger Verlauf: Stabile Zeiten wechseln mit Verschlechterungen und Krisen. Die Unsicherheit, wann der nächste Schub kommt, belastet auch in beschwerdefreien Phasen.

Folgen für Betroffene und Familien

  • Veränderung des Selbstbildes und der Rollen (Beruf, Partnerschaft, Elternschaft)
  • Abhängigkeit, Verlust von Kontrolle, Zukunftsangst
  • Therapiearbeit im Alltag: Medikamente, Messungen, Termine, Diät
  • finanzielle und soziale Belastungen, Isolation
  • pflegende Angehörige können selbst erkranken; Kinder chronisch kranker Eltern übernehmen oft Verantwortung

Das Trajektmodell (Corbin und Strauss)

Die amerikanische Pflegewissenschaftlerin Juliet Corbin und der Soziologe Anselm Strauss entwickelten aus Interviews mit chronisch Kranken ein Modell des Krankheitsverlaufs. „Trajekt“ (engl. trajectory) heißt Verlaufskurve. Der Verlauf ist nicht nur ein biologisches Geschehen, sondern wird durch das Handeln aller Beteiligten gestaltet.

Phasen des Verlaufs

  1. Pre-Trajekt: vor Krankheitsbeginn, Risikofaktoren, Prävention.
  2. Trajekt-Beginn: erste Symptome, Diagnostik, Diagnosestellung.
  3. Krise: lebensbedrohliche Situation.
  4. Akute Phase: aktive Krankheit oder Komplikationen, oft Krankenhausaufenthalt.
  5. Stabile Phase: Krankheit und Symptome sind unter Kontrolle.
  6. Instabile Phase: Symptome lassen sich nicht mehr gut kontrollieren, Alltag gerät durcheinander, aber kein Krankenhausaufenthalt nötig.
  7. Verfall (Abwärtsphase): fortschreitende Verschlechterung, zunehmende Behinderung.
  8. Comeback: schrittweise Rückkehr zu einem akzeptablen Leben in den Grenzen der Krankheit.
  9. Sterben: Wochen, Tage und Stunden vor dem Tod.

Drei Arbeitslinien

  • Krankheitsbezogene Arbeit: Symptome und Therapie managen, Krisen vorbeugen (z. B. Insulin spritzen, Inhalieren).
  • Alltagsbezogene Arbeit: Haushalt, Beruf, Kindererziehung, Freizeit trotz Krankheit organisieren.
  • Biografische Arbeit: die Krankheit in die eigene Lebensgeschichte und das Selbstbild einordnen („Wer bin ich jetzt?“).

Weitere Begriffe: Verlaufskurvenentwurf (die Vorstellung der Beteiligten vom künftigen Verlauf – Patient, Familie und Fachleute können ganz unterschiedliche Entwürfe haben) und Verlaufskurvenplan (geplante Maßnahmen, um den Verlauf zu beeinflussen).

Pflegerische Bedeutung

  • Phase einschätzen und Pflegeziele daran ausrichten (Stabilität erhalten, Krisen vorbeugen, Comeback unterstützen).
  • Verlaufskurvenentwürfe aller Beteiligten erfragen und abgleichen.
  • Selbstmanagement stärken durch Information, Schulung und Beratung (Edukation).
  • Biografie und Lebenswelt einbeziehen, Ressourcen erkennen.
  • Kontinuität sichern: Überleitung, Case Management, Zusammenarbeit mit Hausarzt, Therapeuten, Selbsthilfe.
Merke: Im Trajektmodell sind Betroffene die wichtigsten Akteure ihres Krankheitsverlaufs. Pflege begleitet und unterstützt, damit die drei Arbeitslinien im Gleichgewicht bleiben.

Typische Prüfungsfallen

  • Instabil heißt nicht akut: In der instabilen Phase ist kein Krankenhausaufenthalt erforderlich.
  • Das Modell ist kein Phasenmodell mit fester Reihenfolge – Phasen können sich wiederholen oder übersprungen werden.
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