Lernzettel · Haut, Körperpflege & Dekubitusprophylaxe
Dekubitusprophylaxe nach Expertenstandard
Wie ein Dekubitus entsteht, wie du das Risiko einschätzt und welche Maßnahmen der DNQP-Expertenstandard wirklich fordert.
Definition
Ein Dekubitus (Druckgeschwür) ist ein örtlich begrenzter Schaden der Haut und/oder des tieferen Gewebes. Er liegt typischerweise über einem Knochenvorsprung und entsteht durch anhaltenden Druck, häufig kombiniert mit Scherkräften. Grundlage ist die internationale Leitlinie von EPUAP/NPIAP/PPPIA; in Deutschland gilt der DNQP-Expertenstandard zur Dekubitusprophylaxe, zuletzt 2017 aktualisiert.
Entstehung
- Druck × Zeit: Übersteigt der Auflagedruck den Kapillardruck (Faustwert ca. 25–32 mmHg) über längere Zeit, werden Kapillaren zusammengepresst. Es folgt Sauerstoffmangel, saure Stoffwechselprodukte sammeln sich an, die Zellen sterben ab.
- Scherkräfte: Haut bleibt an der Unterlage haften, während das Skelett weiterrutscht (z. B. beim Herabrutschen im Bett mit erhöhtem Kopfteil). Gefäße werden abgeknickt und verzerrt.
- Reibung schädigt vor allem die Oberhaut.
- Gesunde Menschen machen ständig Makro- und Mikrobewegungen und entlasten so unbewusst. Wer sediert, gelähmt, bewusstlos oder schwer krank ist, verliert diesen Schutz.
Risikofaktoren
- eingeschränkte Mobilität und Aktivität (Hauptfaktor)
- gestörte Sensibilität (Diabetes, Querschnitt, Schlaganfall), Bewusstseinsstörung
- Durchblutungsstörungen, Hypotonie, Anämie, Fieber
- Mangelernährung und Flüssigkeitsdefizit, Kachexie
- feuchte Haut durch Inkontinenz oder Schwitzen, hohes Alter
- bereits bestehender oder abgeheilter Dekubitus
Gefährdete Körperstellen
Rückenlage: Kreuzbein/Steißbein, Fersen, Hinterkopf, Schulterblätter, Dornfortsätze. Seitenlage: großer Rollhügel (Trochanter), Knöchel, Knie innen, Ohrmuschel. Sitzen: Sitzbeinhöcker. Auch Sonden, Katheter, Masken und Schienen können „medizinproduktbedingte“ Druckschäden verursachen – z. B. am Nasenflügel.
Einteilung (EPUAP/NPIAP)
- Kategorie 1: Rötung bei intakter Haut, die sich nicht wegdrücken lässt.
- Kategorie 2: oberflächlicher Teilverlust der Haut, z. B. offene Blase, flache Wunde mit rosa Grund.
- Kategorie 3: Verlust der ganzen Hautdicke, Fettgewebe kann sichtbar sein.
- Kategorie 4: vollständiger Gewebeverlust bis auf Muskel, Sehne oder Knochen.
- zusätzlich: nicht klassifizierbar (Wundgrund verdeckt) und vermutete tiefe Gewebeschädigung (livide, intakte Haut).
Risikoeinschätzung
Laut Expertenstandard: zu Beginn des Pflegeauftrags ein orientierendes Screening, bei Hinweisen eine differenzierte Einschätzung. Entscheidend ist die fachliche (klinische) Einschätzung; Skalen wie Braden, Norton oder Waterlow dürfen ergänzen, sind aber nicht vorgeschrieben. Die Einschätzung wird bei Zustandsänderungen und in individuell festgelegten Abständen wiederholt. Hautinspektion mit dem Fingertest (oder Glasspateltest): Rötung, die nach Druck nicht abblasst = Kategorie 1.
Maßnahmen
- Bewegungsförderung zuerst: Eigenbewegung erhalten, Mobilisation, Kinaesthetics-Prinzipien.
- Individueller Bewegungsplan statt starrem 2-Stunden-Takt; Intervalle nach Hautreaktion anpassen.
- Positionswechsel (z. B. 30°-Schräglage, 135°-Position, Mikropositionierung), Fersen freilagern.
- Druckverteilende Hilfsmittel (Weichlagerungs- oder Wechseldrucksysteme) ergänzend, nicht als Ersatz für Bewegung.
- Scherkräfte vermeiden: rückenschonend anheben, Kopfteil möglichst nicht über 30°, Rutschbremse unter Knien.
- Haut schonend pflegen, Feuchtigkeit vermeiden; Ernährung und Flüssigkeit sichern.
- Betroffene und Angehörige informieren, schulen, beteiligen.
Typische Prüfungsfallen
- „Alle 2 Stunden umlagern“ ist keine Standardforderung – das Intervall ist individuell.
- Eine Skala ersetzt nie die Pflegefachkraft-Einschätzung.
- Kategorie 1 hat noch keinen Hautdefekt; eine Blase ist schon Kategorie 2.
- Eis und Föhnen („Eisen und Föhnen“) sind veraltet und schädlich.
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