Lernzettel · Sturzprophylaxe
Expertenstandard Sturzprophylaxe
Sturzdefinition, Risikofaktoren und die Kriterien des DNQP-Standards (2. Aktualisierung 2022).
Definition
Ein Sturz ist ein unbeabsichtigtes Ereignis, bei dem eine Person auf dem Boden oder einer tieferen Ebene zu liegen, zu sitzen oder zu hocken kommt. Wird die Person rechtzeitig aufgefangen, spricht man von einem Beinahesturz – auch dieser ist ein Warnsignal.
Der Standard
Das DNQP veröffentlichte den Standard 2006, aktualisierte ihn 2013 und legte 2022 die zweite Aktualisierung vor. Ziel: Stürze und sturzbedingte Folgen werden verhindert oder verringert, ohne die Mobilität und Selbstbestimmung der Person unnötig einzuschränken. Sturzprophylaxe heißt also nicht Bewegung verhindern, sondern sichere Mobilität ermöglichen.
Risikofaktoren
- Personenbezogen: eingeschränkte Funktionsfähigkeit im Alltag, Gang- und Gleichgewichtsstörungen, Erkrankungen mit Schwindel oder kurzer Bewusstlosigkeit (z. B. Hypoglykämie, Herzrhythmusstörungen, orthostatische Hypotonie), kognitive Einschränkungen (Demenz, Delir, Depression), Inkontinenz und häufiger Harndrang, Sehbeeinträchtigung, Sturzangst, frühere Stürze.
- Medikamentenbezogen: Psychopharmaka (Sedativa, Neuroleptika, Antidepressiva), Antihypertensiva und Diuretika, Polypharmazie.
- Umgebungsbezogen: Stolperfallen, schlechtes Licht, ungeeignetes Schuhwerk, unbekannte Umgebung, freiheitsentziehende Maßnahmen.
Kriterienebenen
- Einschätzung: Die Pflegefachperson klärt zu Beginn, ob ein erhöhtes Risiko vorliegt (Screening-Frage: Gibt es Hinweise auf Risikofaktoren oder frühere Stürze?), und schätzt bei Bedarf differenziert ein – bei Veränderungen und nach jedem Sturz erneut. Standardisierte Skalen zur Vorhersage werden wegen geringer Aussagekraft nicht empfohlen.
- Information/Beratung/Schulung der Person und Angehörigen zu Risiken und Maßnahmen.
- Planung individueller Maßnahmen gemeinsam mit Person, Angehörigen und anderen Berufsgruppen (Ärztin, Physiotherapie, Ergotherapie).
- Durchführung: sichere Umgebung, Kraft- und Balancetraining, Hilfsmittel, Medikamentenüberprüfung anregen.
- Interprofessionelle Koordination und Dokumentation jedes Sturzes mit Analyse; Evaluation der Maßnahmen.
Sturzprophylaxe in verschiedenen Settings
Im Krankenhaus sind vor allem die fremde Umgebung, Delir, Infusionsständer und nächtliche Toilettengänge riskant. In der Langzeitpflege überwiegen chronische Einschränkungen und Demenz. Im ambulanten Bereich hat die Pflegefachperson weniger Einfluss auf die Umgebung; Beratung der Person und der Angehörigen, Wohnraumanpassung und Hausnotruf stehen dort im Vordergrund. Bei Kindern ist vor allem die altersgemäß fehlende Gefahreneinschätzung zu beachten – Wickeltisch und Bett nie unbeaufsichtigt lassen.
Prüfungsfallen
- Bettgitter und Fixierung sind keine Sturzprophylaxe – sie erhöhen die Verletzungsgefahr und sind ohne Einwilligung oder richterliche Genehmigung freiheitsentziehend.
- Ein Sturzrisiko-Score allein reicht nicht; entscheidend ist die fachliche Einschätzung der individuellen Risikofaktoren.
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