Lernzettel · Ausscheidung & Kontinenzförderung
Harninkontinenz und Kontinenzförderung
Inkontinenzformen, Kontinenzprofile und die Kernaussagen des DNQP-Expertenstandards zur Förderung der Harnkontinenz.
Definition
Harninkontinenz ist jeder unwillkürliche Urinverlust. Kontinenz bedeutet, Urin willentlich zur passenden Zeit an einem geeigneten Ort ausscheiden zu können. Inkontinenz ist kein normales Alterszeichen, sondern ein behandelbares Symptom – und für Betroffene häufig mit Scham und sozialem Rückzug verbunden.
Inkontinenzformen
- Belastungsinkontinenz (früher Stressinkontinenz): Urinverlust bei Druckerhöhung im Bauch (Husten, Niesen, Heben) ohne Harndrang. Ursache: schwacher Beckenboden/Schließmuskel (Geburten, Östrogenmangel, Adipositas, nach Prostata-OP). Therapie: Beckenbodentraining, Gewichtsreduktion, Pessar, OP.
- Dranginkontinenz (überaktive Blase): plötzlicher, kaum aufschiebbarer Harndrang mit Urinverlust, häufige kleine Portionen, Nykturie. Ursachen: Harnwegsinfekt, neurologische Erkrankungen (Schlaganfall, Parkinson, Demenz), Blasenreizung. Therapie: Blasentraining, Anticholinergika oder Beta-3-Agonisten, Ursachenbehandlung.
- Mischinkontinenz: Kombination aus Belastung und Drang.
- Inkontinenz bei chronischer Harnretention (Überlaufinkontinenz): Blase entleert sich nicht vollständig, ständiges Harnträufeln; Ursache z. B. vergrößerte Prostata, Detrusorschwäche bei Diabetes. Restharn messen!
- Funktionelle Inkontinenz: Blase intakt, aber die Person erreicht die Toilette nicht rechtzeitig (Mobilität, Kognition, Umgebung, Kleidung).
- Neurogene/Reflexinkontinenz bei Querschnitt und extraurethrale Inkontinenz (Fisteln).
Kontinenzprofile (Expertenstandard)
- Kontinenz: kein Urinverlust, keine Hilfe nötig.
- Unabhängig erreichte Kontinenz: kein Urinverlust, Person nutzt selbstständig Hilfsmittel/Maßnahmen (z. B. Toilettenstuhl, selbstständiges Katheterisieren).
- Abhängig erreichte Kontinenz: kein Urinverlust, aber nur mit personeller Hilfe (z. B. Toilettengang zu festen Zeiten).
- Unabhängig kompensierte Inkontinenz: Urinverlust, Versorgung mit Hilfsmitteln selbstständig.
- Abhängig kompensierte Inkontinenz: Urinverlust, Versorgung nur mit Hilfe.
- Nicht kompensierte Inkontinenz: Urinverlust ohne ausreichende Versorgung, oder Person lehnt Hilfsmittel ab.
Prüfungsrelevante Leitfragen: Geht Urin unwillkürlich ab? Werden Hilfsmittel benutzt? Ist personelle Hilfe nötig?
Vorgehen nach Expertenstandard
- Risikofaktoren und Hinweise auf Inkontinenz erfassen (z. B. Mobilität, Kognition, Medikamente wie Diuretika, Harnwegsinfekt, Obstipation, Prostatavergrößerung, Beckenbodenschwäche).
- Differenzierte Einschätzung: Miktionsprotokoll (3–5 Tage), Restharnbestimmung (ärztlich/Ultraschall), Inkontinenzform, Kontinenzprofil.
- Maßnahmen planen: Toilettentraining, Hilfsmittel, Umgebung, Beckenbodentraining, interprofessionelle Abklärung.
- Beraten und anleiten, Evaluation.
Toilettentrainings
- Angebotener Toilettengang (Prompted Voiding): regelmäßig fragen und erinnern, loben – bei Demenz.
- Toilettengang zu individuellen Zeiten (Habit Training): nach dem Miktionsprotokoll.
- Toilettengang zu festen Zeiten (Timed Voiding): z. B. alle 2–3 Stunden.
- Blasentraining: Intervalle schrittweise verlängern, Drang mit Ablenkung oder Beckenbodenanspannung unterdrücken – bei Dranginkontinenz und kognitiv fitten Menschen.
Kontinenzfördernde Umgebung
Kurze, hindernisfreie Wege, Beleuchtung und Nachtlicht, Kennzeichnung der Toilette (Bild, Farbe), Haltegriffe, Toilettensitzerhöhung, leicht zu öffnende Kleidung, Rufanlage in Reichweite, Toilettenstuhl oder Urinflasche nachts.
Typische Prüfungsfallen
- Vorlage = Hilfsmittel → „kompensiert“; Hilfe durch Pflegende → „abhängig“.
- Blasentraining setzt Kognition und Motivation voraus; bei Demenz eher angebotener Toilettengang.
- Bei Überlaufinkontinenz kein Blasentraining – Restharn ärztlich abklären.
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