Lernzettel · Bobath-Konzept
Bobath-Konzept: Grundlagen, Ziele und Tonusbeeinflussung
Plastizität, 24-Stunden-Konzept, Ziele und die Faktoren, mit denen Pflegende den Muskeltonus beeinflussen.
Was ist das Bobath-Konzept?
Das Bobath-Konzept ist ein therapeutisches Lern- und Handlungskonzept für Menschen mit Schädigungen des zentralen Nervensystems, die zu Lähmungen, Tonusveränderungen (Spastik) und Wahrnehmungsstörungen führen – z. B. nach Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, bei Multipler Sklerose oder infantiler Zerebralparese. Entwickelt wurde es in den 1940er-Jahren von der Physiotherapeutin Berta Bobath und ihrem Mann, dem Neurologen Karl Bobath. Es ist kein starres Übungsprogramm, sondern wird an die Fähigkeiten des Einzelnen angepasst und laufend weiterentwickelt.
Grundlage: Plastizität
Das Gehirn bleibt ein Leben lang lern- und umbaufähig. Nach einer Schädigung können andere Areale Aufgaben übernehmen, neue Verbindungen entstehen. Dafür braucht es viele, gleichartige, alltagsnahe Wiederholungen. Daraus folgt das 24-Stunden-Konzept: Alle Berufsgruppen und Angehörigen handeln nach denselben Prinzipien – die Pflege hat dabei die meisten Kontakte im Tagesverlauf.
Ziele
- Muskeltonus normalisieren (Spastik hemmen, schlaffe Muskulatur aktivieren)
- Haltungskontrolle und Gleichgewicht verbessern
- Wahrnehmung des eigenen Körpers – besonders der mehr betroffenen Seite – fördern
- normale, alltagsrelevante Bewegungsabläufe anbahnen
- größtmögliche Selbstständigkeit und Lebensqualität
Begriffe
Man spricht von der mehr betroffenen und der weniger betroffenen Seite – nicht von „krank“ und „gesund“, denn auch die andere Körperhälfte ist durch Haltungs- und Gleichgewichtsprobleme beeinträchtigt.
Was beeinflusst den Muskeltonus?
- Unterstützungsfläche: Je größer und flächiger der Körper aufliegt, desto niedriger der Tonus (Liegen < Sitzen < Stehen). Hohlräume vermeiden, Kontakt zur Unterlage herstellen.
- Tempo: Langsame Bewegungen senken, schnelle erhöhen den Tonus.
- Temperatur: Wärme wirkt entspannend, Kälte tonuserhöhend.
- Psyche: Angst, Stress, Schmerz und Unsicherheit steigern den Tonus.
- Schwerkraft/Lage im Raum und das Prinzip „Stabilität vor Mobilität“: Erst wenn Becken und Rumpf stabil sind (Füße fest am Boden), sind Arme und Kopf frei für Bewegung.
Handling und Fazilitation
Handling bezeichnet die therapeutisch sinnvolle Art, einen Menschen zu bewegen. Bei der Fazilitation führen Pflegende die Bewegung mit ihren Händen so, dass der Betroffene sie spürt und selbst aktiv mitmacht. Bewegungen werden über Schlüsselpunkte eingeleitet: zentral der Brustkorb, proximal Schultern und Becken, distal Hände und Füße. Gedreht wird nicht „en bloc“, sondern physiologisch – z. B. Impuls über Schulter oder Becken.
Raumgestaltung
Möglichst viele Reize (Ansprache, Tür, Fernseher, Fotos) sollen von der mehr betroffenen Seite kommen, um die Wahrnehmung dieser Seite zu fördern. In der Frühphase oder bei ausgeprägtem Neglect werden Getränk und Telefon zunächst auf der weniger betroffenen Seite platziert und erst mit zunehmenden Fähigkeiten umgestellt. Die Rufanlage liegt immer gut erreichbar auf der weniger betroffenen Seite.
Typische Prüfungsfallen
- Der Patient soll sich nicht mit dem weniger betroffenen Arm am Bettgalgen hochziehen – das verstärkt Spastik und Kompensation.
- Die Rufanlage gehört nicht auf die mehr betroffene Seite.
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